Neue Reiseziele


Kaschmirs langes Warten hat ein Ende

Die krisengeschüttelte Region galt einst als “Schweiz des Ostens” und war ein beliebtes Ziel für Bergsteiger und Skifahrer. Nach Jahrzehnten der Abstinenz entdeckt Kaschmir heute den Tourismus neu. Von Emma Lagies

Kaschmir ist auf die Reiselandkarte zurückgekehrt
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Indiens Antwort auf Kitzbühel: Gulmarg auf 2745 Meter Höhe in Kaschmir gelegen.<br /><br /><br /><br /><br />

Indiens Antwort auf Kitzbühel: Gulmarg auf 2745 Meter Höhe in Kaschmir gelegen.

Wer den Nanga Parbat sehen will, einen der berühmtesten Achttausender, hat im Bergörtchen Gulmarg den Anweisungen des Betriebspersonals Folge zu leisten und diszipliniert anzutreten. “Q” kommandiert ein Plastikschild an der Wand, unter dem etwa 300 Touristen – die meisten Inder, einige Europäer – auf gelbe Gondeln warten, die auf den Gipfel des Mount Apharwat schaukeln.

“Queue” lautet die abgekürzte Order, Schlange bilden, damit alles seine Ordnung hat. “Single line! Single line!”, skandiert ein Sikh mit weißem Turban, olivgrüner Uniform, dichtem Vollbart und entschieden zackigem Naturell.

Rippenschieber mit dem Schlagstock helfen nach, wo Wille fehlt. Immerhin befindet der Reisende sich, wie ein ausgeblichenes Werbeplakat gleich neben dem “Q” erklärt, in “Kashmir, the Paradise on Earth”. Aber auch im biblischen Paradies ging man mit Rippen nicht zimperlich um.

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Indien

 

Pseudoalpine Bergarchitektur

Gulmarg ist ein idyllisch-exotisches Dörfchen am Fuße des gut 4300 Meter hohen Apharwat. “Exotisch” eher aus indischer als aus europäischer Sicht: Die nahe an der Grenze zu Pakistan gelegene Sommerfrische schmückt sich mit pseudoalpiner, entzückender Bergarchitektur.

Wer, bitte, erwartet in Indien Chalets mit grünen Dächern, hölzernen Fensterläden, Balkonen und Spitzgiebeln – und dahinter, hoch in den unverschämt blauen Himalaja-Himmel ragend, schlanke, immergrüne Fichten? Eben. Und die Pferde, die die Gäste ins Gebirge tragen, finden den Ort mutmaßlich auch nicht schlecht: Gulmarg bedeutet “Blumenwiese” und sieht dementsprechend aus, jedenfalls nach der Schneeschmelze im Frühjahr.

Im Winter ist diese Gegend Indiens Antwort auf Kitzbühel, erst recht, seit das Gulmarg Cable Car Project, gebaut von französischen Ingenieuren, 2005 in Betrieb ging.

Dass es sich, wie behauptet, um “die höchste Gondel der Welt” handele – nun, das mögen die Kollegen in China (Dagu-Gletscher) oder Venezuela (Mérida) etwas anders sehen. Aber Luftseilbahnen sind in Indien rar, was den Trubel und die eine oder andere Verhaltensauffälligkeit unter den Gondelpassagieren erklärt, etwa die kleineren Handgemenge in der Hektik des Einsteigens.

Das beste Skigebiet Indiens

Ist man erst einmal im dünnluftigen Gipfelbereich, liegt einem tatsächlich das beste Skigebiet Indiens zu Füßen, und die Aussicht ist im wahren Sinne des Wortes großartig.

Gäbe es keine Wolken, würde man im Nordosten, mehr als 100 Kilometer entfernt und schon auf pakistanisch verwaltetem Territorium, nicht nur den massiven Rumpf des Nanga Parbat sehen, sondern auch seinen 8126 Meter aufragenden Gipfel.

Dass dieser Ausflug nach Gulmarg, 55 Straßenkilometer und zwei Autostunden von Srinagar entfernt, heute wieder möglich ist, ist keine Selbstverständlichkeit.

Vor gut 20 Jahren, als die indische Bundesregierung in Neu-Delhi die Direktverwaltung Kaschmirs durchsetzte, trat die entlegene Berglandschaft erneut in eine Phase der Gewalt ein und wurde einmal mehr ihrem Ruf als politisch sensibelste Region des Subkontinents gerecht.

Dauerstreit zwischen Indien, Pakistan und China

Treibsatz der chronisch gärenden Gemengelage waren und sind zum einen religiös motivierte Konflikte zwischen der muslimischen Mehrheit in Kaschmir sowie Hindus und Buddhisten. Hinzu kommt, dass die offiziell Jammu und Kaschmir (“J&K”) genannte Region einen Dauerstreit zwischen Indien, Pakistan und China nährt, in dem mitunter nicht nur in die Luft, sondern scharf geschossen wird.

Anschläge und Unruhe ließen Wirtschaft und Tourismus einbrechen; noch 2010 galt die Altstadt von Srinagar als No-go-Zone. Heute aber sei der Terrorismus Geschichte, sagt Parinita Gawri, die für die indische Taj-Hotelgruppe arbeitet. Sie ist glücklich, dass es mit Kaschmir wieder vorangeht.

Dass das so ist, liegt nicht zuletzt am Auswärtiges Amt, das seit 2011 nicht mehr vor Flügen nach Srinagar warnt und die Region damit gewissermaßen – mit ein paar logistischen Einschränkungen – zur Erkundung freigegeben hat. Nach Jahrzehnten der Abstinenz entdeckt Kaschmir heute den Tourismus neu.

Trendsetter des Tourismus

Der Tradition folgend geht das am besten auf dem Wasser, wo der Fremdenverkehr 1860 seinen Ausgang nahm. Damals richteten sich Briten in der Hitze des subkontinentalen Sommers auf Hausbooten im 1700 Meter hoch gelegenen Srinagar ein, etwa 30 Meter langen Gefährten aus Zedernholz, auf denen sie wochen- oder monatelang residierten.

Das Ausweichen auf den Dal-See und die umliegenden Gewässer des 140 Kilometer langen Kaschmir-Tals hatte einen pragmatischen Grund: Die Kolonialherren durften damals kein Land in Kaschmir kaufen. Noch heute buhlen an die tausend Hausboote auf Dal Lake und dem kleineren Nagin Lake mit schräg-charmanten Namen um Einnahmen.

Es gibt “New Melbourne” und “Sansduci”, eine “Nancy” und eine “Cypress Queen”, einen “Shangloo Palace” und eine “Crown of India”. Wer will, kann auch in einem Hausboot namens “White House” übernachten, das weder weiß noch ein Haus ist. “Die Hausbootleute sind die Trendsetter des Tourismus in Kaschmir”, sagt Shafi Tuman, 46, Miteigentümer eines Bootes mit vier Gästezimmern, Salons und einladender Holzschnitz-Veranda, von der aus sich trefflich nach fischenden Eisvögeln Ausschau halten lässt.

Natur und Gastfreundschaft

Der Trend ist seit drei Jahren eindeutig: Kaschmir ist auf die Reiselandkarte zurückgekehrt und versucht den Neustart. Zahlreiche neue innerindische Flugverbindungen machen Srinagar etwa von den Millionenstädten Delhi, Bombay und Amritsar aus mühelos erreichbar – ein verlockendes Angebot für Millionen Inder der aufstrebenden Mittelschicht, die zu Kaschmir ein idealisierendes, wenn nicht verklärendes Verhältnis haben.

“Es ist die Schönheit, das Klima und die Gastfreundschaft, was überzeugt”, sagt Gaurav Chouhan aus Indore, Anfang 20 und für ein paar Monate beruflich in Srinagar unterwegs. “Es ist ruhig hier, es gibt keine Hetze. Man kann herkommen und entspannen. Die Natur ist das Sehenswerte.”

Srinagar selbst, eine Stadt von der Größe Kölns, hübscht seine Seepromenade auf, an der Hunderte Shikaras auf Betrieb warten – quietschbunte Gondeln, die als Wassertaxi, Schulbus, Ausflugsboot und Werbefläche dienen.

Für anspruchsvollere Gäste gibt es seit 2011 das “Vivanta-Hotel” auf dem Kralsangri-Hügel mit Blick über Stadt und See. Das klassische Pendant ist ein ehemaliger Palast des Maharadschas von Kaschmir, das in einem Park am See gelegene “LaLit Hotel”. Seit Neuestem steigt ein Heißluftballon über dem Lake Dal auf. Und mit großem Pomp soll im Hari-Parbat-Fort eine Light-and-Sound-Show eröffnen, die das kulturelle Erbe erklärt.

Welthauptquartier der Dahlien

Auch ohne Light-and-Sound-Bespaßung sprechen die Zahlen eine klare Sprache. Bereits 2012 reisten etwa eine Million Gäste nach Kaschmir; 2010 waren es weniger als 500.000 gewesen; 2008 nur etwa 20.000. Es ist “fantastisch”, sagt Mohammed Shafi, 27, ein Taxifahrer in Srinagar. “Der Tourismus ist in den vergangenen zwei Jahren rauf, rauf, rauf.”

Einmal im Kaschmir-Tal angekommen, sind die etwa 70 Gärten von Srinagar erste An- und Auslaufstellen. Shalimar Bagh, eine der berühmtesten Mogulanlagen und Srinagars grünes Vorzeigeensemble, entstand vor fast 400 Jahren.

Der Park ist bis heute eine Art Welthauptquartier der Dahlien mit kopfgroßen Blüten in Violett und Gelborange. In der Altstadt sollen Hunderte hölzerne Stadthäuser – darunter viele aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die ihren behaglichen Charme bewahrt haben – demnächst saniert und in Gästehäuser umgebaut werden.

Von Kaschmirpullovern in Kaschmir

“Mein Traumprojekt”, sagt Kaschmirs Tourismusdirektor Parvez Rohella, der seinen Sohn in Erwartung all der vielen zahlenden Besucher schon einmal Deutsch lernen lässt.

Einem anderen Traum, von den meisten ausländischen Srinagar-Besuchern gepflegt, sollte man indes nicht anhängen: Es gibt in Kaschmir weder besonders hochwertige noch besonders günstige Kaschmirpullover. Die feinhaarige Kaschmirziege mag zwar dem Namen nach dem “Paradies auf Erden” entstammen, lebt heute jedoch mit größter Wahrscheinlichkeit nicht mehr in Indien, sondern in China, Australien oder Schottland. Dort, und nicht in Srinagar, wird auch die edle Wolle gewonnen und verstrickt.

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Goldjungs: Die Buddhas im Tempel von Bylakuppe erleuchten die Exil-Tibeter, die hier leben und studieren.<br /><br /><br /><br /><br />

 

 

Luxushotel an einem der schönsten Strände der Welt

Er hat rund 2000 Top-Hotels getestet und 35 Hotelbücher geschrieben: Heinz Horrmann. In der “Welt” stellt er regelmäßig ein Hotel vor – dieses Mal ist es das “Amanpulo” auf Pamalican. Von Heinz Horrmann

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Pamalican besteht nur aus dem Hotel, das sind 40 Casitas und Villen am Sandstrand und ein Haupthaus in der Mitte<br /><br /><br /><br />

Foto: [… Amanresorts. Pamalican besteht nur aus dem Hotel, das sind 40 Casitas und Villen am Sandstrand und ein Haupthaus in der Mitte

 Ganz fraglos sind die Aman-Resorts als Ferienhotelgruppe in der Gesamtheit die Nr. 1 in der Weltrangliste dieser Sparte. Das ungewöhnlichste der 26 Resorts ist das “Amanpulo” auf der Philippinen-Insel Pamalican. Das Eiland besteht rundum nur aus dem Hotel, besser aus den 40 Casitas und Villen am Sandstrand und dem Haupthaus in der Mitte. Die wichtigste Information: Pamalican ist eine Privatinsel mit konsequenter Security und damit total sicher für Gäste. Islamisten haben keinen Zutritt.

Das winzige Eiland, mit fünf Kilometern Länge und nur 500 Metern Breite dünn und lang wie eine Haarnadel, wirkt jetzt nach dem Ende der Regenzeit wie frisch geduscht. Es liegt im Nordwesten des Inselreiches (7000 Inseln), wo es bisher noch nie Zwischenfälle gab. Die Anreise erfolgt über Manila. Von dort geht es mit einer hauseigenen Turboprop-Maschine direkt auf die Insel.

Das “Amanpulo”, für Vielreisende das schönste Aman-Resort weltweit, wurde 1993 eröffnet. Amanpulo heißt übersetzt “friedvolle Insel”. Viel Abwechslung ist garantiert. Ein riesiges Teleskop, um die Sterne zu studieren, steht den Gästen zur Verfügung, ein Spa-Bereich mit Panoramablick, Bibliothek, große Tennisanlage, voll ausgestattetes Fitnesscenter und eine Vielzahl von Schiffen (alle Größen), die man sich ausleihen darf. Die Sulusee ist ein ideales Gewässer für Cruises und zum Segeln. Beste Reisezeit ist von Oktober bis Mai.

 

Die Exklusivität des Resorts zeigt sich nicht mit Glamour und schicken Abendgesellschaften, wie sie die Gäste im “Amanpuri” in Thailand pflegen, sondern in der völlig natürlichen und unverkrampften Naturverbundenheit. Kilometerweite Einsamkeit hat hier einen höheren Stellenwert als Chic und Unterhaltung. Allerdings ist außer Glück am Strand, liebenswertem Service und reichlich Sport nicht viel Abwechslung auf der Insel. Nur wenn Sie genau das suchen, sind Sie im “Amanpulo” richtig.

Zimmer und Suiten

Gemäß der Philosophie des Firmengründers Adrian Zecha sind nur 40 Wohneinheiten auf der Insel verteilt. Casitas, das sind Cottages am Strand und in Hügellage, sowie geräumige Ferienvillen mit jeweils vier Schlafzimmern. Von meinem Cottage ging ein kurzer Pfad über die Terrasse direkt auf den feinsten weißen Sandstrand, den ich je gesehen habe. Die Gästehäuser bekommen ständig Frischzellen, wurden gerade wieder komplett renoviert. Sie sind mit erstklassigen Holzarbeiten ausstaffiert, eine großzügige Terrasse mit Liegen, Sonnenschirmen und Möbeln in edlem Naturweiß sind ein komplettes zusätzliches Zimmer unter blauen Himmel. Ein wichtiges Element sind ebenfalls die geräumigen Bäder mit separatem WC. Die Preise sind saisonal gestaffelt, zur Zeit beginnt die Liste bei 720 Euro pro Casita, vom 1. November an sind es 960 Euro.

Essen und Trinken

Das Hauptrestaurant, in einem Flügel am Ende des Clubhauses gelegen, geht in eine Sonnen-Terrasse über. Hier werden internationales Frühstück, Lunch und Dinner serviert. Keine Sterneküche, aber gut gemachte Gerichte, auch philippinische Spezialitäten mit viel Koriander und Zitronengras. Das gleiche Angebot gilt für den Beach Club mit dem Schwerpunkt Meeresfrüchte.

Was mir besonders gefiel: Ohne viel Theater und Mehrkosten werden überall, wo man möchte, Private Dining und Picknick im Grünen organisiert. Ich ließ mich an einem einsamen Plätzchen am Endlos-Strand bedienen und die beiden Servicedamen sangen mir zur Unterhaltung auch noch ein Lied. Am Abend pulsiert das Leben in der wunderschönen Bar aus chinesischem Naturstein mit großem Freibereich. Romantische Harfentöne trägt der Wind bis zum Strand. Was ist zu kritisieren? Wirklich nicht mehr als eine Kleinigkeit. Beim Frühstück war die Brotauswahl und die Qualität verbesserungswürdig. Nur eine Randnotiz.

Der Service

Es liegt wohl in der Mentalität der Philippinos mit Liebenswürdigkeit zu bedienen. Es ist faszinierend zu erleben, wie das spezielle Service-Programm abläuft. Schon am frühen Morgen begrüßt mich die Gästebetreuerin Jeannette mit einem fröhlichen “Hallo, Mister Heinz” und serviert geeisten Mango-Saft.

Nach der Ankunft gibt es zur Begrüßung “Mabuhay and a warm welcome” zu einem Glas Champagner. Der intensive Service bedeutet nicht, dass sich der Gast bedrängt fühlt. Nach den beiden Servicegängen am Morgen und am Abend ist die Gästewohnung klinisch sauber und duftend.

Das Urteil

Ein außergewöhnliches Ferienhotel am vielleicht schönsten Strand der Welt, hier wird funktioneller Komfort in brillanter Natur geboten. Kriterien für ein absolutes Luxushotels sind nicht goldene Klosettbrillen oder Eselsmilchbäder, sondern intensiver Service und fühlbarer Friede wie zu Beginn der Schöpfungsgeschichte. Unvergessliche Eheschließungen für Paare werden mit den Romantik-Arrangements offeriert. Prächtig geschmückte alte Autos fahren die Gäste nach dem Sonnenuntergang zur Outdoor-Kapelle Grotto. Frische Blumen und Obst gibt’s freilich für alle.

Gewiss kann so viel Aufwand nicht billig sein, doch in der Summe aller Dinge sind das ohne Wenn und Aber für mich fünf ehrliche Sterne mit viel Strahlkraft

 

Quelle Die Welt